Mailand-San Remo
Sonntag 1. Juni 2008
Sonntag 4:45 Uhr Reni und ich werden vom Telefon geweckt. Eigentlich wollten wir etwas später aufstehen, aber irgendwie gab es einen automatischen Weckdienst des Hotels. Etwas verwirrt stehen wir auf und machen uns für da heutige Rennen fertig. Im Frühstückssaal ist richtig was los, so 100 Radfahrer schlagen sich den Bauch mit Müsli, Brötchen, Obst, Kaffee und Saft voll. Kurz nach 6 bringen wir das Gepäck zum Bus. Reni gibt bei Andrew (unser Reiseleiter) ihre Flasche ab und schärft ihm ein, dass sie nur Sekunden zum Entgegennehmen der Flasche Zeit hat. Andrew verspricht aufzupassen, meint aber, dass es bei der Hektik bestimmt nicht einfach sein wird am Turchino die Flasche anzureichen. Er wird damit in gewisser Weise Recht behalten.
Wir rollen mit einigen anderen die gut 7 km an den Start. Es ist bewölkt, aber warm. Dieses Jahr scheinen nicht so viele teilzunehmen und wir stehen relativ weit vorne. Wir unterhalten uns noch ein wenig mit den Nachbarn. Es stellt sich heraus, dass sie zu unserer Gruppe gehören, aber mit dem eigenen Auto angereist waren. Um 7 Uhr werden einige Ansagen gemacht, irgendwo auf der Strecke soll es eine Umleitung mit einem steilen Anstieg geben. Reni übersetzt zwar, aber so richtig haben wir nicht mitbekommen um was es geht , was vielleicht ein Fehler war.



Dann endlich geht es los, diesmal ganz ohne Startschuss. Ich wünsche Reni schnell noch viel Glück und weg ist sie. Auch ich setzte mich in Bewegung und es läuft gut. Es ist zwar hektisch und Gedrängel, aber ich fahre am Rand und so habe ich nie Angst vor einem Sturz. Gerade auf den ersten Kilometern sieht man die eine oder andere Flasche fliegen und das Schreien bei Engstellen ist groß. Nach 20 km stelle ich erstaunt fest, dass ich mit in der riesigen Führungsgruppe bin. Wow denke ich, hoffentlich wird mir das nicht zu schnell. Ich halte gut mit, allerdings ist im hinteren Drittel der Ziehharmonikaeffekt schon krass. Mein Versuch noch weiter nach vorne zu fahren scheitert allerdings, weil ich in der Masse dann doch Schiss bekomme. Also geht es hinten weiter und weiter, in der Regel ist die 4 vorne auf dem Tacho zu sehen. Aber dann kam es, wie es kommen musste, ich habe nicht richtig aufgepasst, vor mir haben Einige reißen lassen und ich sehe nur noch die Lücke zum Feld. Nix wir Reintreten, aber das Feld war einfach zu schnell. So ein Mist dachte ich bei km 80 und hoffte, dass noch ein paar von hinten kommen. Aber Pustekuchen, 30 km alleine mit leichtem Wind schräg von vorne hieß es nun für mich. Erst kurz vor dem Turchino kam eine Gruppe von hinten, jetzt im Anstieg brauche ich die auch nicht mehr. Auf dem Pass fuhr ich kurz zu unserem Bus und stellte fest, dass Reni's Flasche noch da stand, meine aber weg war. Andrew meinte nur, dass er ihr eine Flasche gegeben hat und sie aufgeregt geschrieen hat. Da war mir schon klar, sie hat meine Flasche mit reinem Wasser und ihr Mineralien-Zuckergetränk stand im Auto. Oje, hoffentlich geht das gut. 


Nach Cola, Banane und Camelback auffüllen, ging's in die Abfahrt, die ich unheimlich schön und gut zu Fahren finde. Beim Schild Genova hatte ich Glücksgefühle, als wäre ich schon im Ziel. Dabei war das gerade Halbzeit, aber wenn man das Meer sieht und die Palmen ist das einfach gigantisch. Auf der Küstenstrasse bildeten sich immer wieder kleinere Gruppen, die in den Ortschaften auseinander rissen. Der Verkehr war zum Teil echt ätzend und einmal mussten wir lange anhalten, weil uns etwa 50 Ferraris entgegenkamen. 
In Spotorno sollte es eigentlich eine Verpflegung geben, aber da wurden wir wegen einer Baustelle nach rechts umgeleitet. Das war also die Ansage vom Morgen und ich stellte mich auf ein kurzes Steilstück ein. Von wegen kurz, es ging weiter und weiter nach oben und selten unter 10%! Um mich herum wurde leise und auch lauter geflucht, aber mir ging es gut und überholte immer wieder Fahrer und den einen oder anderen Schiebenden. Endlich war das Biest bezwungen, mein Tacho zeigte knapp 300 Höhenmeter an und dann kaum auch die Verpflegung. Also wieder jede Menge Cola und Banane, das bekommt mir am Besten und ab in die Abfahrt. Die war einfach herrlich nicht zu steil und schön grün. Nach dem Abfahrtsrausch ging es wieder auf die Via Aurelia, ein Blick auf die Uhr zeigte mir aber, dass mein Ziel unter 10 Stunden im Ziel anzukommen, wohl nicht mehr zu schaffen ist. Dieser Zusatzcappo hat einfach zu viel Zeit gekostet. 

Nur nicht entmutigen lassen und eine schöne Gruppe finden. Flott geht es weiter Richtung San Remo, an der nächsten Verpflegung halte ich nur kurz um etwas zu trinken. Jetzt kommen die kleinen Cappos auf den letzten 50 km. Wie schon im letzten Jahr kann ich diese gut hochdrücken und so verliere ich immer mal ein paar Mitstreiter. An der letzten Verpflegung treffe ich einige aus dem Bus, warte aber nicht lange, denn ich will immer noch eine gute Zeit fahren. Es folgt die Cipressa mit herrlichen Blicken auf das Meer. Allerdings bläst der Wind jetzt so heftig, dass ich manchmal denke regelrecht zu stehen und nach der nächsten Kehre davon zu fliegen. Dann der Poggio mit ähnlichen Windverhältnissen und ich lege noch etwas zu, denn oben ist ja das Ziel. Unsere Bekannten vom Start radeln direkt vor mir und wir grüßen uns kurz. Einen kann ich hinter mir lassen und schon sehe ich die letzten Meter bis zum Ziel. Aber wo ist denn der Zielbogen und die Matten??? Ich werde nach links in die Abfahrt dirigiert und bin etwas verwirrt. Ist das Ziel dieses Jahr in die Stadt verlegt? Keine Zeit zum überlegen, denn die Abfahrt ist wegen Wind nicht ganz einfach und dann geht es auch schon durch San Remo und mal wieder heftigem Verkehr. Endlich das Ziel, noch ein kurzer Stich und Reni jubelt mir zu. 10 Stunden 12 stehen auf meiner Uhr, eigentlich doch nicht so schlecht für etwa 8 km und 300 Hm mehr als im letzten Jahr. Ich frage natürlich gleich, wie es bei Reni gelaufen ist. Sie ist Zweite geworden und schimpft wie ein Rohrspatz. Sie hatte tatsächlich am Turchino meine Flasche bekommen und hatte schon dort versucht die Verwechslung klar zu machen. Sie mußte aber weiter, denn bis dort hin befand sie sich in der ersten Gruppe und die nächste Frau war einiges hinter ihr. Da aber die nächste Verpflegung erst auf dem Zusatzberg war, reichte ihr das reine Wasser nicht wirklich und sie musste an der Verpflegung richtig halten, etwas Essen und jede Menge Cola trinken. So verlor sie die Gruppe und war eben "nur" Zweite im Ziel.
Dann erstmal Nudeln und Pizza und wir warteten auf die Siegerehrung. Witzigerweise trafen wir dort auch wieder unsere Bekannten vom Start. Diese jubelten natürlich heftig, als Reni nach vorne ging und ihren Pokal abholte. Den hatte sie sich übrigens vorher selbst ausgesucht, es ist schon von Vorteil, wenn man die Sprache kann. Auf dem Weg zu den Rädern schaute ich auf die Ergebnisliste, da ich die offizielle Zeit wissen wollte. Da traute ich meinen Augen nicht, denn unter Platzierung stand eine 2. Also doch nochmal zur Siegerehrung und da fiel auch schon mein Name. Ich war 2. in meiner Altersklasse geworden und bekam als Preis eine Flasche mit 3 Litern Olivenöl. Ich war stolz wie Oscar, das hatte ich nicht erwartet. Reni und ich verstauten unsere Preise so gut es ging in Rucksack und Trikot und rollten langsam ins Hotel.



Dieses Rennen ist einfach mein Lieblingsrennen und es wird bestimmt nicht meine letzte Teilnahme gewesen sein.
